Market Gardening

In Deutschland auch „bio-intensiver Gemüsebau“ genannt. Was das ist, erklären wir hier.

Innovativ und regenerativ

 

Der Kanadier Jean-Martin Fortier entwickelte eine moderne und regenerative Art des Gemüsebaus, die er nach kanpp zwei Jahrzehnten in seinem berühmten Buch „The Market Gardener“ niederschrieb und mittlerweile auch online in seiner Masterclass Market Gardening lehrt.

 

Erfüllend und sinnstiftend

 

Das Buch erschien 2012 und inspiriert seitdem viele junge, engagierte Leute, die oftmals Quereinsteiger sind und keine wesentliche landwirtschaftliche Ausbildung mitbringen. So wie auch in unserem ganz persönlichen Fall, sind es oft Menschen, die mit ihrem Leben in der Großstadt, ihrem Büroalltag oder ihrem anderweitig als künstlich empfundenen Alltag frustriert sind und in einer eigenen Gärtnerei einen sinnvollen Beitrag zu Natur und Gesellschaft entdeckt haben.

 

Modern und zeitgemäß

 

Market Gardening unterscheidet sich vom traditionell konventionellen und auch biologischen Gemüseanbau in einigen wichtigen Punkten. Hier wird nämlich regenerative Landwirtschaft auf kleinstem Raum betrieben, eine Keimzelle für Bodenfruchtbarkeit, vitale Lebensmittel und sozialer Gemeinschaft gleichermaßen, wenn man so will.

 

Das Besondere am Market Gardening

Alle der folgenden Zeichnungen sind dem Buch „The Market Gardener“ entnommen.

Kleine Flächen

Dies ist ein Grundriss der ersten Gärtnerei von Jean-Martin Fortier. Seine Frau Modehelene und er erwirtschaften mit zwei Vollzeitangestellten auf einer Fläche von nicht mal einem Hektar hier vier volle Jahresgehälter. Sowas geht, wenn man direkt vermarktet und effizient arbeitet. Und dann gibt es noch ein paar weitere Tricks, die das Market Gardening so einzigartig machen.

Fräsen ist schlecht für den Boden

Jean-Martin beschreibt sehr schön, wie er in den ersten Jahren seiner jungen Gärtnerei noch zwei mal im Jahr die Fräse benutzt hat. 20cm tief war der Boden wunderschön krümelig, und wäre er eine Jungpflanze gewesen, dann hätte er seine helle Freude daran gehabt, dort hinein zu wurzeln, sagt er. Aber er machte die Erfahrung, dass er jedes Mal die natürliche, organisch gewachsene Bodenstruktur pulverisierte. Der Boden sackte nach zwei Wochen wieder in sich zusammen und verdichtete sich im Laufe der Zeit sogar noch mehr. Außerdem entsteht auch beim Fräsen eine verdichtete Schicht beim Übergang zum Unterboden, die das Wachstum von Wurzlen in die Tiefe immer mehr erschwert.

Die Permabeete

Statt mit vielen einzelnen Reihen auf einem großen Feld arbeiten wir im Market Gardening eher wie in einem Hobbygarten. Es gibt feste Wege und eine feste Beeteinteilung, die sogenannten Permabeete. Sie sind meist etwas erhöht und immer 75cm breit. Viele Arbeitsgeräte sind auf diese Beetbreite abgestimmt. Außerdem sparen wir Netze, Fliese und Wasser, weil wir auch die Pflanzabstände etwas enger wählen als im Anbau mit Traktoren üblich.

Der Tilther

Hier haben wir so eine typische Erfindung fürs Market Gardening, den Tilther. Das ist eine Minifräse, die nur 5cm tief in den Boden geht. Gerade so viel, dass kleinere Unkräuter, Saatgut oder Dünger eingearbeitet werden können, jedoch nicht die tiefergehende Bodenstruktur zerstört wird. Der Tilther besteht aus einem Metallgehäuse mit Messern auf einer Achse, die per Akkuschrauber angetrieben wird. An den Holzgriffen ist ein Seil befestigt, dass um den Bedienknopf des Akkuschraubers gespannt und mit der Hand bedient wird.

Die Kreiselegge

Ein wichtiger Aufsatz für den Einachser ist die Kreiselegge. Auch sie bearbeitet den Boden nur ganz oberflächig, in den oberen 5cm. Ihre rotierenden Zinken vermischen eigentlich nur die Dünger oder das Saatgut mit der Erde. Zusammen mit der Seitenverblendung hinterlässt die Gitterwalze ein glattes, lockeres, wunderschönes Beet, in das man sofort Jungpflanzen stecken oder mit dem Sägerät darüberfahren möchte!

Die Minitunnel

Gewächshäuser und Folientunnel sind teuer, aber für den Gemüsebau unerlässlich. Umso logischer, dass man sich Minitunnel in diversen Größen und Konstruktionsweisen hat einfallen lassen. So auch im Market Gardening, wo es hauptsächlich drei Kategorien gibt: Den großen Folientunnel, in dem man aufrecht stehen kann. Den Low Tunnel, in dem man nur noch Knien kann. Und die Row Covers, die gerade noch über niedrige Kulturen passen und meist nur mit Netzen und Fliesen bestückt werden. Sie alle haben sehr günstige Konstruktionsweisen und ihren Platz im Anbauplan eines jeden Market Gardeners.

Das Unterdruck-Sägerät

Gerade für größere Market Gardens, die ihre Jungpflanzenanzucht selbst übernehmen, lohnt sich die Anschaffung dieses Unterdruck-Sägeräts. Es hält die Samenkörner mittels Unterdruck in einer Lochplatte fest und lässt sie auf Knopfdruck alle gleichzeitig und punktgenau in die Anzuchtplatten fallen. Wieder so eine Market Garden Erfindung, die mit einem Staubsauger begann.

Direktvermarktung

Die wichtigsten Absatzwege des Market Gardening sind, wie der Name schon sagt, Bauern- oder Wochenmärkte. Aber auch Solidarische Landwirtschaften, Gemüseabokisten oder Markt-Schwärmerei gehört mit dazu. Außerdem beliefern einige Gärtnereien auch Hofläden, Bioläden und die regionale Gastronomie. Direktvermarktung bringt nicht nur bessere Preise als der Absatz über den Großhandel, sondern auch den direkten Kundenkontakt, der für viele Gärtner gerade so wichtig und sinnstiftend ist.

Keine Traktoren

Heutzutage werden die Pflanzabstände der Gemüsekulturen in der traditionellen Anbauweise an der Spurbreite der Traktoren ausgerichtet. Damit wird haufenweise Platz verschenkt. So kosten Insektenschutznetze, Frostschutzfliese und Bewässerung vergleichsweise viel mehr Geld, weils sie ja so viel leeren Zwischenraum mit abdecken müssen. Außerdem liegen die Gemüsereihen jedes Jahr anders, weil es ja keine festen Reihen sind. Der schwere Traktor fährt im Laufe der Jahre also über jeden einzelnen Quadratzentimeter des Feldes und verdichtet somit Jahr für Jahr den Boden.

Bio-intensive Pflanzabstände

Dadurch, dass so ein Permabeet weder tiefgründig bearbeitet noch sogar betreten wird, bleibt der Boden locker und das Bodenleben kann ungestört Humus aufbauen, So ist es überhaupt erst möglich, dass diese Fülle von Pflanzen mit ihren geringen Pflanzabständen nicht um Nährstoffe konkurrieren müssen. Ein weiterer Vorteil: Permabeete sind schmale lange Streifen, aber immer gleich groß. Diese Standartgröße wird zur Recheneinheit (z.B. ein Beet von 10m Länge enspricht 125 Salatköpfen, 44 Brokkolipflanzen, 10kg Bohnen pro Woche etc.), mit der sich Ernteerträge zuverlässig berechnen lassen. 

Die Silofolie

Von Vielen kritisch beäugt, ist sie fürs  Market Gardening ein wichtiges Arbeitsmittel, die Silofolie. Sie wird nach einer Kultur direkt über die Erntereste auf das Beet gelegt und ist licht- und luftundurchlässig. Das bedeutet, dass unter ihr ideale Keimbedingungen vorherrschen: Es ist warm, (bleibt) feucht und dunkel. Das Unkraut keimt und stirbt infolge Lichtmangels direkt wieder ab. Nach zwei bis vier Wochen, je nach Jahreszeit, braucht man nur noch die Silofolie wieder vom Beet nehmen und hat sowohhl den größten Unkrautdruck für die nächste Kultur verhindert, als auch ein sauberes Beet. Denn die Erntereste wurden gierig von Regenwürmern vertilgt, die sich unter der Folie ebenfalls pudelwohl gefühlt, und entsprechend üppig ihre Geschäfte verrichtet haben. Ein unkrautfreies, sauberes und gedüngtes Beet!

Falsche Saatbeete und Bunsenbrenner

Eine gängige Praxis im Gemüsebau ist die des falschen Saatbeetes. Man wässert das Feld und lässt Unkraut absichtlich keimen. Im Market Gardening beschleunigen wir diesen Vorgang noch, indem wir Fliese auf den Beeten ausbringen. Sobald sich überall Keimblätter zeigen, werden die Karotten in das Beet gesät. Ca. drei Tage bevor die Karotten auflaufen, ist auch das letzte Unkraut gekeimt. Jetzt wird abgeflammt. Das Unkraut stirbt ab, während die Karotten unter der Erde vor der Hitze geschützt bleiben. Ein paar Tage später gehen 6 bis 12 Reihen Karotten in einem sauberen, unkrautfreien Beet auf. Man erspart sich mit dieser Methode einen Großteil, wenn nicht sogar alles aufwändige Unkrautzupfen in den Reihen.

Der Six Row Seeder

Jean-Martier wurde auf einem seiner Vorträge einmal von einem Ackerbauern gefragt, ob sich seine Anbauweise überhaupt finanziell rechnet. Er fragte zurück, wieviele Reihen Karotten pro Quadratmeter der Bauer setzte. „3“ war die Antwort. „Siehst Du, ich habe 12“, sagte JM. „Ich baue also schon mal 4x so viele Karotten pro Quadratmeter an wie Du. Und dann benötige ich aber auch nur ein Viertel der Wassermenge, die Du benötigst. Und ich benötige auch nur ein Viertel des Düngers, den Du benötigst. Meinst Du nicht, das sich das rechnet?“ Und die Moral von der Geschicht: Ohne den Six Row Seeder könnte JM keine 12 Reihen Karotten auf sein Beet pflanzen. (12 Reihen Karotten wachsen aber auch nur in einem unkrautfreien Beet, das tiefgründig durch das Bodenleben gelockert ist, damit jede Karotte Platz hat.)

Günstiger Einstieg in die Landwirtschaft

Hier mal ein kleiner Eindruck, was eine niegel-nagel-neue Gärtnerei kosten würde. Im Vergleich zu einem großen Landwirtschaftsbetrieb mit riesigen Feldern, einem ganzen Fuhrpark an Traktoren und Maschinen, sowie diverse Lagerhallen und Werkstätten, ist das hier wirklich ein riesiger Unterschied. Angesichts der massiven Überalterung unserer heimischen Landwirte bietet das Market Gardening jungen Leuten wieder die Möglichkeit, in die Landwirtschaft einzusteigen.

Der Einachser

Im Market Gardening ist die größte Maschine ein Motor auf Rädern, ein Einachser. Aber nicht die beliebte Fräse hängt hinten dran, denn eine Fräse wird im Market Gardening sogar recht kritisch gesehen. Wir verwenden stattdessen einen Rotationspflug (aber nicht zum Pflügen im herkömmlichen Sinne!), eine Kreiselegge und einen Schlegelmulcher. Der Einachser ist leicht genug, dass er keinen bleibenden Schaden in der Bodenstruktur hinterlässt, und effizient genug, dass er auf größeren Market Gardens unerlässlich ist für gewisse Arbeitsschritte.

Bewusste Bodenpflege

Im Market Gardening ist das Wissen um den Boden, seine Bewohner und die Zusammenhänge der mineralischen und biologischen Dimensionen ausschlaggebend für den Erfolg der Gärtnerei. Alle der entwickelten Arbeitsprozesse zielen darauf ab, den Boden so gesund wie möglich zu halten. Deshalb wird nur maximal 5cm tief bearbeitet, meistens aber eher gar nicht. Gründüngung und Fruchtfolgen sind ebenso selbstverständlich wie Kompost und organischer Dünger. Regenerative Landwirtschaft bedeutet, den Boden im Herbst fruchtbarer vorzufinden, als er im Frühjahr noch war. Und das geht, indem man ein aktives Bodenleben fördert, statt nur zu erhalten.

Die Broadfork

Die etwas breitere Grabegabel. Sie wurde entwickelt um den Boden zu belüften. Man sticht sie einfach in den Boden, neigt sie einmal nach hinten und dann wieder nach vorn, und zieht sie wieder herraus. Nun setzt man ca. 30cm hinter der Einstichstelle wieder an. So bewegt man sich rückwärts über das Beet und bringt mit diesem Arbeitsgang Sauerstoff in eine Tiefe von bis zu 40cm, ohne dabei das Bodenleben zu stören.

Der multifunktionelle Heurechen

Einem 75cm breiter Heurechen werden ein paar Gartenschlauchstücke auf die Zinken gesteckt. Die etwas überständigen Schlauchstücke dienen zum Rillenziehen und zum Anzeichnen der Pflanzpositionen. Im Market Gardening werden alle Jungpflanzen per Hand ausgepflanzt. Außerdem sind im weiteren Arbeitsablauf genaue Pflanzabstände für effizientes Unkrautjäten sehr wichtig. Das geht mit diesem Rechen hervorragend. Einmal längs und einmal quer damit über das Beet gezogen, fertig sind die Markierungen, auf den Zentimeter genau.

Diverse Sägeräte

Die beliebteste Sämaschine ist der JIANG Seeder, eine mechanische knallgelbe Präzisionssämaschine. Sie hat gegenüber anderen Modellen, die derzeit auf dem Markt sind, so viele Vorteile. Sie ist für nahezu alle Böden geeignet, fährt sich weich und ist leicht zu tragen. Mit ihren zwei Zahnrädern kann man einen Saatabstand von 2 bis 76cm einstellen. Die Säscheiben nehmen auch das allerletzte Körnchen gut auf. Und wenn doch mal etwas Saatgut übrig bleibt, kann man den transparenten Saatgutbehälter einfach herausnehmen und entleeren. Den JIANG Seeder gibt es auch als drei oder sechs Reihen Sämaschine. Aber auch andere Sägeräte kommen im Market Gardening zum Einsatz.

Mulchen und rotationspflügen

Gründüngung wird mit dem Schlegelmulcher gemäht und direkt gehäckselt. Normalerweise würde der traditionelle Gemüsebauer jetzt seine Fräse hervorkramen und die Gründüngung unterfräsen. Im Market Gardening benutzt man den Rotationspflug. Das ist ein Aufsatz, der wie eine Schiffsschraube aussieht. Er erfasst Erde und schmeißt sie locker zur rechten Seite. Man fährt also mit Einachser und Pflug links vom gemähten Beet und wirft einen Teil der Erde des Weges nach rechts aufs Beet. Das Gleiche macht man auf dem Rückweg noch mal für die andere Hälfte des Beetes. Jetzt liegt Erde auf dem Grünschnitt. Es ist also genauso, als hätte man gefräst, nur dass hier der Boden des Beetes ungestört geblieben ist! Genial, oder?

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